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Letzte Aktualisierung: 22.10.2019

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Frankfurt liest ein Buch 2020

von Ilse Romahn

(26.09.2019) Vom 27. April bis 10. Mai 2020 steht eine große, spektakuläre Geschichte im Fokus des elften Lesefestes, die zum lebhaften Austausch über einen bis heute ungelösten Mordfall, die Verflechtungen von Wirtschaft und Politik sowie über unsere heutige Zeit im Spiegel der Wirtschaftswunderjahre einlädt: »Rosemarie. Des deutschen Wunders liebstes Kind« von Erich Kuby.

Erich Kuby (1910-2005) galt als einer der Chronisten der Bundesrepublik Deutschland. Der in der Studentenbewegung engagierte Journalist schrieb unter anderem für den Stern und den Spiegel, adaptierte gesellschaftskritische Stoffe für Hörfunk und Fernsehen und veröffentlichte Bücher zur Zeitgeschichte. 1992 wurde ihm der Publizistikpreis der Landeshauptstadt München verliehen. 2005 wurde er posthum mit dem Kurt-Tucholsky-Preis ausgezeichnet.

»Rosemarie. Des deutschen Wunders liebstes Kind« erzählt von der berühmtesten Edelprostituierten der Bundesrepublik: Rosemarie Nitribitt. Mit ihrem teuren Cabrio war sie in der Wirtschaftsmetropole Frankfurt stadtbekannt. Für ein Mädchen, das mehrfach aus Erziehungsheimen ausgerissen war, hatte sie es zu einem erstaunlichem Vermögen gebracht. Ihre Ermordung im Herbst 1957 sorgte für einen Skandal: Wusste sie zu viel? War es einer ihrer Kunden aus den Kreisen der Bosse und Banker? Bis heute ist ihr Mörder nicht gefasst, und die Pannen bei den Ermittlungen bis hin zum zeitweiligen Verschwinden der Prozessakten befeuerten die Gerüchte darüber, was ihr zum Verhängnis wurde. 

Es ist diese Atmosphäre und dieser Zeitgeist, den Erich Kuby in seinem Roman einfängt. Seine temporeich erzählte Geschichte der Nitribitt, die auf seiner Mitwirkung am Drehbuch zu dem Film Das Mädchen Rosemarie (1958) aufbaut, dem zahlreiche weitere Adaptionen folgten, wird zum fesselnden Porträt der Doppelmoral der damaligen Gesellschaft. Die Neuausgabe enthält ein Nachwort von Jürgen Kaube.

Im Rahmen eines Informationsabends am 23. September 2019 in der Zentralbücherei (Hasengasse 4) waren über 70 Veranstalterinnen und Veranstalter und an der Ausrichtung von Veranstaltungen Interessierte aus Frankfurt aus der gesamten Rhein-Main-Region gekommen, um mehr über Autor und Roman zu erfahren und erste Veranstaltungsideen zu entwickeln.

Christian Setzepfandt erzählte an diesem Abend aus dem Leben und der Zeit um Rosemarie Nitribitt und dokumentierte seine Ausführungen eindrücklich mit Archivbildern aus den 50ger Jahren.

Seit 2010 engagiert sich der Verein Frankfurt liest ein Buch e.V. für das gemeinschaftliche Lesen. Jedes Jahr wird ein Buch mit inhaltlichem Bezug zur Stadt Frankfurt am Main ausgewählt, das die thematische Grundlage für einen Dialog zwischen unterschiedlichen kulturellen Gruppen der Stadtgesellschaft bildet, Denkanstöße für das Zusammenleben in der Stadt gibt und großes kreatives Potential freisetzt. Nahezu alle öffentlichen Kulturinstitutionen, sozial und bürgerschaftlich engagierte Einrichtungen und viele Schulen nehmen teil. In zwei Veranstaltungswochen finden jährlich rund 80 Veranstaltungen an meist 70 verschiedenen Orten statt. 2016 wurde Frankfurt liest ein Buch mit dem BKM-Preis Kulturelle Bildung der Bundesregierung für Kultur und Medien durch Prof. Monika Grütters MdB, Staatsministerin für Kultur und Medien, ausgezeichnet. Dank der vielfältigen Veranstaltungsformen und – möglichkeiten richtet sich Frankfurt liest ein Buch an Menschen aller Generationen und gesellschaftlichen Schichten. Schülern, Jugendlichen, Erwachsenen und älteren Menschen (auch aus bildungsfernen Schichten) soll ein Zugang zum Lesen und kulturellen Leben in der Stadt und Region ermöglicht werden. Jede Leseaktion trägt dazu bei, das kulturelle Erbe der Region zu vermitteln, sie literarisch und historisch zu erkunden und sich mit ihr zu identifizieren. Bei Ausstellungen, literarischen Spaziergängen, Opern-, Theater-, Film-, Buchhandels-, Bibliotheks-, Schul-, Tanz- und Museumsabenden sind die Bürgerinnen und Bürger eingeladen, mitzutun, mitzulesen, ja sogar partizipativ eigene Veranstaltungsideen zu entwickeln und so ihre Stadt aus einem neuen Blickwinkel zu sehen und zu erleben.