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Letzte Aktualisierung: 18.10.2019

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,Frankfurt hat in vielfältiger Hinsicht von der Titanic profitiert‘

von Mirco Overländer

(04.10.2019) Mit einem Festakt im Kaisersaal und einer Sonderausstellung im Caricatura-Museum feiert das Satire-Magazin Titanic sein 40-jähriges Bestehen. Anlässlich dessen hat sich Moritz Hürtgen, seit Anfang des Jahres Chefredakteur, mit Mirco Overländer unterhalten.

Oberbuergermeister Peter Feldmann und Titanic-Chefredakteur Moritz Huertgen beim Empfang zu 40 Jahren Titanic imKaisersaal
Foto: Stadt Frankfurt / Horst Menzel
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Herr Hürtgen, 40 Jahre Titanic: Lässt sich dieses historische Ereignis in einem Satz zusammenfassen?
Moritz Hürtgen: Nein.

Ist es Bürde oder Segen, von Berufs wegen witzig zu sein?
Das ist ein Segen, weil man mit seinen Kollegen tagtäglich furchtbare Sachen in Wohlgefallen auflösen kann. Wir bei Titanic wissen, wie man Satire macht, weswegen wir ja auch das endgültige Satiremagazin sind. Die Zeiten dafür sind niemals gut und niemals schlecht.

Wie groß ist die Enttäuschung, wenn ein Titanic-Cover nicht gerichtlich gestoppt wird oder sich wenigstens der Papst darüber beschwert? 
Wenn ein Cover nicht gerichtlich gestoppt wird, freuen wir uns natürlich. Wir freuen uns aber auch über jede Klage, die uns erreicht. Das bedeutet, dass sich jemand die Mühe macht, uns zu stoppen. Das ist zwar nicht das Ziel unserer Arbeit, man kann sich auch nicht vorher ausrechnen, womit man die Menschen trifft. Das Ziel ist stets, das bestmögliche und witzigste Cover zu gestalten. Als uns der Vatikan zuletzt wegen des Papst-Bildes verklagt hat, hat es übrigens zwei Wochen gedauert, bis unsere Arbeit in Rom wahrgenommen wurde. Ich nehme an, dort wird die Titanic unter der Soutane eingeschmuggelt.

Haben Sie ein persönliches Lieblings-Titelbild? 
Nicht nur eines. Aber was mir spontan in den Sinn kommt, ist der Titel „Hurra, die Mauer wächst nach“. Es gibt aber eine ganze Reihe an Titelbildern, beispielsweise aus der Kohl-Ära, die mir sehr zusagen. Etwa der Titel vom April 1992: „Wiedervereinigung ungültig: Kohl war gedopt!“

Seit Januar dieses Jahres sind Sie Titanic-Chef und treten in entsprechend große Fußstapfen: Wie gelingt es, das historische Erbe der Neuen Frankfurter Schule mit verlegerisch-humoristischen Sachzwängen der Gegenwart in Einklang zu bringen?
Ich weiß fast nichts über die Geschichte meiner Vorgänger und der Titanic. Das befreit mich ungemein in meiner Arbeit. Wir feiern ja jetzt auch im Museum 40-jähriges Bestehen. Das hat dieses Magazin sicherlich verdient, auch die Ehrung durch die Stadt Frankfurt. Im Tagesbetrieb geht es allerdings stets aufs Neue darum, das bestmögliche endgültige Satiremagazin zu produzieren.

Inwiefern spielt Ihnen dabei das derzeit verfügbare politische Personal in die Karten?
Im Mediengeschäft gibt es viele, an denen man sich abarbeiten kann. In der Politik haben wir mit Angela Merkel eine Kanzlerin, die nicht ganz so einfach zu kriegen ist wie Helmut Kohl. Deswegen setzen wir jetzt alles darauf, dass nach Merkel ein echter Prachtkerl wie Robert Habeck oder Friedrich Merz ins Kanzleramt einzieht. Man ist in gewisser Weise auch als Satiriker abhängig von seinem Rohstoff.

Sehen Sie den Postillon und Jan Böhmermann als Konkurrenz oder als Zeichen dafür, dass Satire mehr denn je in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist? 
Es gibt in Deutschland derzeit einen regelrechten Satireboom. Viele Leute informieren sich mittlerweile nur noch auf solchen Portalen. Wir selbst haben keine Meinung zu den angesprochenen Formaten. Was wir im Print liefern, besticht durch seine Alleinstellungsmerkmale. Ich bin allerdings der Auffassung: Je mehr Satire es gibt, desto besser ist es.

Ohne Frankfurt wären die Biographien von Robert Gernhardt, F. K. Waechter, Peter Knorr und Hans Traxler nicht denkbar, ergo auch nicht die Titanic. Wie viel Frankfurt steckt noch heute in Ihrem Blatt?
Ich selber komme nicht aus Frankfurt, wohne aber seit sechs Jahren hier und fühle mich sehr wohl. Wir sind zum anstehenden Jubiläum in die Archive herabgestiegen und haben uns über die Gründungsjahre informiert. Dabei kam heraus, dass die oben angesprochenen Personen eigentlich alles Offenbacher waren, die sich gnädig gezeigt und ihr kreatives Schaffen nach Frankfurt verlegt haben. Nähere Einzelheiten dazu gibt es in der nächsten Ausgabe.

Ihr „politischer Arm“ um Martin Sonneborn sorgt in Europa mächtig für Furore. In anderen Ländern regieren inzwischen Comedians. Sind sich Satire und Politik womöglich näher als manch Beobachter es für möglich hält?
Ich halte es für eine sehr bedenkliche Entwicklung, dass Satiriker, die keine Form von Autorität und Arbeitsmoral kennen, in die Parlamente und gar Staatsämter wechseln. Wir sehen das hier in unserer Redaktion mit großer Sorge, da wir selbst noch keine entsprechende Anschlussverwendung gefunden haben. Dabei nehmen wir alles, Hauptsache Spesen und Bezüge sind hoch.

Ein Empfang im Kaisersaal gehört zu den größten Auszeichnungen, die man von der Stadt Frankfurt erhalten kann. Ist dies für Sie ein protokollarischer Pflichttermin oder eine Würdigung der Arbeit Ihrer Redaktion?
Ich darf nach unserem Oberbürgermeister Herrn Feldmann sprechen und freue mich sehr drauf. Ich werde in meiner Rede darauf hinweisen, dass es gut und gerecht ist, weshalb wir in dieser Form gewürdigt werden. Ich möchte an dieser Stelle nicht zu viel verraten, doch ich werde nachweisen, dass die Stadt Frankfurt in vielfältiger Hinsicht von der Titanic profitiert hat. Beispielsweise hat der damalige Titanic-Redakteur Martin Sonneborn schon 1999 dafür gesorgt, dass die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 nach Deutschland und Frankfurt kam. Spätestens jetzt wissen wir, in welcher Weise der DFB davon, auch finanziell, profitiert hat, und erst hierdurch in der Lage war, den Grundstein für sein neues Leistungszentrum in Frankfurt zu legen.