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Letzte Aktualisierung: 22.10.2019

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Die Zukunft der Therapieforschung

Das ZI in Mannheim eröffnet neues Zentrum

von Michael Hoerskens

(07.10.2019) Psychische Erkrankungen wie Depressionen, bipolare Störungen oder Angstzustände sind sehr komplex. Sie sind Volkskrankheiten, für die neue Therapien dringend benötigt werden. Das Mannheimer Zentralinstitut für Seelische Gesundheit (ZI) hat daher jetzt das Zentrum für Innovative Psychiatrie- und Psychotherapieforschung (ZIPP) eröffnet. Dessen innovatives Konzept soll die Entwicklung neuer Therapien in den kommenden Jahren deutlich beschleunigen.

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Redner bei der Feierstunde waren Dr. Michael Meister, Prof. Dr. Andreas Meyer-Lindenberg, Theresia Bauer und Andreas-W. Möller
Foto: ZI/Schwetasch
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Im Mannheimer ZIPP werden innovative Behandlungsmethoden angeboten
Foto: ZI/Schwetasch
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In einer Feierstunde im Reiss-Museum der Quadratestadt wurde die Bedeutung des Themas klar unterstrichen. „Psychische Erkrankungen werden gesellschaftlich immer bedeutsamer. Das Thema liegt dem Bundesministerium für Bildung und Forschung sehr am Herzen. Neue Therapieansätze sind dringend gefragt“, betonte Dr. Michael Meister, Parlamentarischer Staatssekretär bei der Bundesministerin für Bildung und Forschung, anlässlich der feierlichen Eröffnung des ZIPP, die unter dem Motto „Die Zukunft der Therapieforschung“ stand.
Fast jeder vierte Deutsche wird jährlich von psychischen Erkrankungen betroffen, erklärte Meister. Es sei der zweithäufigste Grund für Erkrankungen und der erste Grund für Frühverrentungen, hob er die Bedeutung der Thematik hervor. „Die innovative Art und Weise, in der am ZIPP Therapieforschung betrieben wird, ist vielversprechend. Es freut mich daher sehr, dass dieses Forschungszentrum nun seine Arbeit aufnimmt“, sagte der Staatssekretär. Das ZIPP wird durch das Bundesministerium sowie durch das Ministerium für Wissenschaft und Kunst in Baden-Württemberg gefördert. Ein weiterer wichtiger Förderer ist die Klaus Tschira Stiftung.

Die baden-württembergische Wissenschaftsministerin Theresia Bauer unterstrich im Rahmen des Festakts die Bedeutung des ZIPP für die Forschungsstandorte Rhein-Neckar und Baden-Württemberg. „Mit dem ZIPP entsteht eine in Europa bisher einmalige Struktur für die Erforschung neuropsychiatrischer Volkserkrankungen. Es wird internationale Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus ganz unterschiedlichen Disziplinen anziehen und damit den Wissenschaftsstandort Baden-Württemberg stärken.“ Zugleich werde durch das ZIPP die interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen dem ZI, dem Universitätsklinikum Mannheim und der Medizinischen Fakultät Mannheim der Universität Heidelberg intensiviert. „Wir haben hier im Raum Mannheim/Heidelberg ein riesiges Potenzial an Life Science“, erklärte Theresia Bauer.

Prof. Dr. Andreas Meyer-Lindenberg, Vorstandsvorsitzender des ZI, berichtete, dass das ZI 1975 als Modellinstitut gegründet wurde. „Dies bedeutete schon immer, dass wir stets neue Wege in der Behandlung und Prävention von psychisch kranken Menschen gehen“, sagte er. Die enge Verzahnung von Forschung und Behandlung mit dem Ziel, neue Therapien zu entwickeln, sei seit seiner Gründung die Mission des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit in Mannheim. Das neue ZIPP sei ein ambitioniertes Konzept, mit dem sich das ZI nun konsequent weiterentwickelt und innovative Strukturen geschaffen habe, um die Qualität der Therapieforschung auf ein neues Niveau zu heben. In enger räumlicher Nähe und direkt angeschlossen an die Kliniken des ZI bündelt das ZIPP dafür eine deutschlandweit einmalige Forschungsinfrastruktur.

„Mit dem ZIPP haben die Forscher und Kliniker des ZI eine ideale Struktur, um die Entwicklung wirklich neuer Psychotherapien und Pharmakotherapien rasch voranzubringen und die Chancen aus der Grundlagenforschung rasch in die Anwendung zu führen“, erklärte Prof. Meyer-Lindenberg, der das Konzept des ZIPP federführend entwickelt hat. Dabei spielt auch High Tech eine Rolle: Zur forschungstechnologischen Ausstattung des ZIPP zählen neben zwei 3-Tesla-Magnetresonanztomographen, die auch miteinander verbunden eingesetzt werden können (sogenanntes Hyperscanning), unter anderem auch ein neues Gerät für die kombinierte Positronenemissions- und Magnetresonanztomographie (PET-MRT). Sie ist eines der modernsten Verfahren der Hirnbildgebung und ermöglicht eine genaue Untersuchung der Aktivität von Botenstoffen (Neurotransmittern) und neuen Medikamenten im Gehirn. Ebenfalls neu installiert wurde ein Magnetenzephalograph (MEG) zur Erforschung der elektrischen Aktivität von Nervenzellen bei Prozessen des Wahrnehmens, Denkens und Empfindens.
Ein Virtual-Reality-Labor ermöglicht die Erprobung neuer Psychotherapieverfahren auf Basis von computergenerierten, interaktiven Umgebungen. Die virtuellen Realitäten können hier sowohl über VR-Brillen als auch in einem begehbaren Projektionsraum erfahren werden. Weitere Forschungstechnologien, die am ZIPP eingesetzt werden, sind die funktionelle Nahinfrarot-Spektroskopie (fNIRS), die Transkranielle Magnetstimulation (TMS), Neurofeedback und Elektroenzephalographie (EEG). Ebenfalls Teil des ZIPP wird BioPsy Mannheim, die bereits am ZI etablierte, deutschlandweit größte psychiatrische Biobank – eine Einrichtung zur Gewinnung, Aufbereitung und Lagerung von Biomaterialien, mit deren Hilfe Mechanismen erforscht werden können, die psychischen Erkrankungen zugrunde liegen.

Die kurzen Wege fördern nicht nur die Vernetzung der Forscherinnen und Forscher, sie erleichtern auch die Forschung mit Patientinnen und Patienten, die durch ihre Erkrankung besonders schonend und oft auch reizabgeschirmt behandelt werden müssen. Das ZIPP ist deshalb im selben Gebäude untergebracht wie die meisten Stationen der vier Kliniken des ZI. Es verfügt zudem über eine eigene Probandenstation für Teilnehmer*innen an klinischen Studien. Sowohl die Forschungsressourcen als auch die Patientinnen und Patienten werden über ein in das ZIPP integriertes Studienzentrum koordiniert.

Das Zentralinstitut arbeitet eng mit der Universität Heidelberg und der Medizinischen Fakultät Mannheim der Universität Heidelberg zusammen. „Das ZI ist mit seiner hervorragenden Forschung zu einer Vorzeigeeinrichtung geworden“, erklärte Prof. Dr. Bernhard Eitel, Rektor der Universität Heidelberg. Hier werde die Investition in die Wissenschaft gut verzinst. Prof. Dr. Sergij Goerdt, Dekan der Medizinischen Fakultät Mannheim der Uni Heidelberg betonte, dass das ZI mit dem ZIPP und dessen innovativer Funktion beste Voraussetzungen schaffe für Wissenschaft und Forschung. „Hier werden neue Wirkstoffe und Therapien entwickelt, welche den Bedürfnissen von Patienten hilft“, unterstrich er. Goerdt hob die Zusammenarbeit zwischen den Universitäten und dem ZI hervor: „Wir leben dieses strategische Partnerschaft.“

Die Forschungsinvestitionen in das ZIPP werden flankiert durch Investitionen des Landes Baden-Württemberg in die Krankenversorgung. Ziel ist ein Aufwuchs auf über 400 Behandlungsplätze mit Fertigstellung des Neubaus in der Innenstadt. Andreas-W. Möller, Kaufmännischer Vorstand des ZI, betonte: „Diese wesentlichen Investitionen und die fortgesetzte Unterstützung des Landes stellen das ZI gut auf für den kommenden Wettbewerb um Standorte eines Deutschen Zentrums für psychische Gesundheit sowie für die kontinuierliche Ausweitung und Optimierung der diagnostischen Möglichkeiten und therapeutischen Angebote für unsere Patientinnen und Patienten.“

Das ZIPP hat nach einer Umbauzeit von 2016 bis 2019 eine Fläche von etwa 2500 Quadratmetern und befindet sich im Unter- und Erdgeschoss des Therapiegebäudes des ZI. Um das Gesamtprojekt zu realisieren, musste das ZI rund 56 Millionen Euro aufbringen. Der größte Fördermittelgeber war das Land Baden-Württemberg, weitere Förderung kam vom Bund und der Klaus Tschira Stiftung .
Das Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim steht für international herausragende Forschung und wegweisende Behandlungskonzepte in Psychiatrie und Psychotherapie, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Suchtmedizin. Seine vier Kliniken gewährleisten die psychiatrische Versorgung psychisch erkrankte Menschen. In der psychiatrischen Forschung zählt das ZI zu den führenden Einrichtungen Europas. Mit über 1300 Mitarbeiter*innen zählt die Einrichtung zu einem der großen Arbeitgeber Mannheims.