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Letzte Aktualisierung: 19.07.2019

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Der hölzerne Clown vom Bodensee

Bregenzer Festspiele eröffnet mit Rigoletto neue Saison

von Karl-Heinz Stier und Ingeborg Fischer

(16.04.2019) 73 Jahre nach Festspiel-Gründung erklingt zum ersten Mal die Arie „ La donna e`mobile“ auf der Bregenzer Seebühne. Von der Premiere am 17. Juli bis zum Saisonabschluss am 18. August stehen 27 Vorstellungen auf dem Programm. Rund dreieinhalb Monate vor der Eröffnung der 74. Festspiel-Saison sind rund zwei Drittel der Karten bereits verkauft.

Bildergalerie
Festspielplakat Bregenzer Festspiele 2019.
Foto: Festspielleitung
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Beim Aufbau des Rigoletto-Kopfes: ein Augapfel misst 2,70 Meter
Foto: Dietmar Mathis
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Stirn wird aufgesetzt. Der Rigoletto-Kopf ist 13,5 Meter hoch vom Unterkiefer bis zur Schädeldecke.
Foto: Dietmar Mathis
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Intendantin Elisabeth Sobotka bei der Vorstellung des Programms in Frankfurt
Foto: Karl-Heinz Stier
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193 000 Tickets (einschließlich Generalprobe und crossculture night) wurden insgesamt aufgelegt. Die Eintrittsgelder liegen zwischen 30 und 158 Euro (Zusatzleistungen werden extra berechnet). Giuseppe Verdis schaurig-schönes Meisterwerk wurde noch nie auf der Seebühne gezeigt. „Wir sind mit der bisherigen Auslastung sehr zufrieden“, sagt Pressesprecher Axel Renner.

 Dauerbesucher waren seit Monaten gespannt, was in der Festspielbucht als Kulisse für die Oper entsteht. Nach dem hervorragenden Bühnenaufbau von „Carmen“ in den letzten beiden Jahren stellt sich die Frage, ob die neue Kulisse von der Carmen-Oper von Georges Bizet noch getoppt werden kann. Der Hauptdarsteller des Bühnenbildes ist bereits seit Februar auf der Seebühne zu sehen und von Woche zu Woche wird er immer konkreter: alles dreht sich um einen überdimensionalen Kopf. Seine Maße: 13,5 Meter hoch, bis zu 11,3 Meter breit. Allein die Augäpfel haben einen Durchmesser von 2,7 Meter.

Der Kopf ist flexibel, kann sich nach zwei Seiten drehen, seine Blicke richten sich in Richtung Stadt oder Richtung Strandbad. Die linksseitige „Hand Lindau“ misst von der Handkrause bis zur Mittelfingerspitze 11,3 Meter. Ihre Bewegungen erfolgen über hydrauliche Schwenkantriebe. 46 Unternehmen, Stahl– und Maschinenbauer, Zimmerer, Schlosser und andere Festspieltechniker aus Deutschland, der Schweiz und Österreich (insbesondere aus Vorarlberg) arbeiten seit Start der Planungsphase im April 2016 an dem Projekt Bühnenbild mit.

Der Kopf kann aber auch den Mund aufmachen, nicken, sich nach vorne beugen, hinunter zum Wasser, er kann auch ausspucken und schlucken – und er wird das Gesicht eines Clowns haben, der an den zynischen Hofnarren Rigoletto erinnert. „Wenn sich ein Bühnenbild aus dem Bodensee erhebt, überwältigt uns das Wunderwerk Theater alle zwei Jahre“, erklärt erfreut Intendantin Elisabeth Sobotka. Bühnenbildnerin Heike Vollmer hat gemeinsam mit Regisseur  Philipp Stölzl die Rigoletto-Szenerie entworfen. Mit Stölzl haben die Bregenzer einen Künstler gewonnen, der sich als Regisseur von Musikvideos unter anderem für die Sängerin Madonna einen Namen gemacht hat, bevor er mit Spielfilmen wie „Nordwand“, „Goethe!“ und der „Medicus“ für Aufsehen  erregte. Als Opernregisseur inszenierte der gelernte Bühnenbildner u.a. bei den Salzburger Festspielen, am Theater an der Wien und in Berlin an der Deutschen Oper und an der Staatsoper. „Mit diesen beiden Schwerpunkten kommt erneut ein Künstler nach Bregenz, der beide Aufgaben in einem denkt und mit seinem Team vollendet“, betont die Intendantin, die darauf hinweist, dass Stölzl insbesondere an der Oper Rigoletto deren Popularität („Die Musik ist voller Ohrwürmer“) und die von Gier bestimmten Machtpositionen des Herzogs herausheben will.

Auf die titelgebende Figur, den Rigoletto, darf man gespannt sein. Auf diesen ambivalenten Menschen – bösartig, höhnisch, gemein den anderen Höflingen gegenüber, aber  als Narr am Hofe des Herzogs von Mantua devot und liebdienerisch – jedoch auch liebender und beschützender Vater zu Hause, der verzweifelt versucht, die Tochter vor der Entehrung zu retten! „Feile Sklaven, ihr habt sie verhandelt…“ Wie harmoniert das Bühnenbild auf der Seebühne mit dem tragischen Geschehen? Elisabeth Sobotka betont, dass die düstere Szenerie sehr genau getroffen wird. Wie setzt  Stölzl Herzog und Narr und die Tochter Gilda ins Bild? Und welche Sängerinnen und Sänger konnten verpflichtet werden? Die Operndirektorin Susanne Schmidt nannte als Anforderungen natürlich gute Stimmen, aber wichtig sei zudem, physisch fit und auch „seefest“ zu sein. Und augenzwinkernd fügte sie hinzu: “Ja, und hoch hinauf geht es bei uns immer“!

Die Aufführungen auf der Seebühne mit ihrer außerordentlichen Anziehungskraft auch auf ein Publikum, das das Event‚“Bregenz“ erleben will, ermöglichen es, bei den Bregenzer Festspielen seltener aufgeführte Stücke  zu zeigen. Zum Beispiel im Festspielhaus und im Theater am Kornmarkt „Don Quichote“ als Oper, in die eine Liebesgeschichte eingebaut wurde. Oder „Der ‚Reigen“ von Schnitzler, die berühmten Skandalgeschichten um Erotik, Liebe, sexueller Gier als Musiktheater vom österreichischen Komponisten Bernhard Lang im Festspielhaus und auf der Werkstattbühne. Auch  „Eugen Onegin“ (Tschaikowski) wird am Kornmarkt zu sehen sein. Die Intendantin, die eine Leidenschaft für junge Sängerinnen und Sänger hegt und diese unterstützen will, gibt deshalb den jungen Interpreten damit eine Chance.

Auch Orchesterkonzerte der Wiener Symphoniker mit Verdis „Requiem“, den Symphonien von Johannes Brahms und Musik über Don Quichote stehen auf dem Spielplan. Bregenz bietet „Kultur pur“ nicht nur auf der Seebühne!

Als Treffpunkt für junge Leute hat sich mittlerweile das Bodenseeufer an der Seebühne entwickelt. Dort geht man hin, ist neugierig, und es ist „in“,  sich sehen zu lassen. Deshalb bieten die Verantwortlichen an, die Generalprobe für Menschen bis 26 Jahre für einen ganz geringen Preis zu besuchen. 5.000 bis 6.000 junge Menschen nutzen seit den 90er Jahren diese Möglichkeit. Als Erfahrung der letzten Jahre hat sich gezeigt, dass die Jugendlichen durchaus auf Oper einlassen, aber erstaunlicherweise andere Schwerpunkte setzen und auch einmal bei ungewohnten Szenen applaudieren.

Die meisten Zuschauer, die das Bregenzer Festival besuchen, kommen aus der Bundesrepublik Deutschland (62 %), gefolgt von Österreich (23%), der Schweiz/Liechtenstein (13%) und 2 % kommen aus dem restlichen Ausland. Gesellschafter ist die Bregenzer Festspiele Privatstiftung mit Intendantin Elisabeth Sobotka als Geschäftsführerin und dem kaufmännischen Direktor Diem.

Insgesamt wirken an den Festspielen 1.600 Personen mit, das Jahresbudget beträgt 20 Millionen Euro (davon verschlingt die Seebühnenkulisse allein 8 Millionen einschließlich Abbau im zweiten Jahr). Mit 7 Millionen Euro Subventionsgelder beteiligen sich Österreich (40 %), das Land Vorarlberg (35 %)  und die Stadt Bregenz (25 %).

Wie jedes Jahr wird auch diesmal 3Sat die Premiere von Rigoletto im Fernsehen übertragen. Geplanter Termin: 19. Juli 2019 abends.