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Letzte Aktualisierung: 21.03.2019

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Comics lesen und schlau werden

Christopher Tauber und Annelie Wagner erzählen Geschichte(n) aus der Perspektive von Kindern

von Anja Prechel, Hauptamt und Stadtmarketing

(07.03.2019) „Es gibt immer den einen Funken, der überspringt“, sagt Comic-Autor Christopher Tauber. Der Funke, der den Plot zu seinem Comic „Frankfurt 1918 – Heraus aus der Finsternis“ zündete, war die Erinnerung eines Frankfurters, der zurückblickt auf seine Kinder- und Jugendtage nach dem Ersten Weltkrieg, als er sich mit anderen Jungs aus seiner Straße zu einer Bande zusammenrottete und als die Stadt, vielmehr noch ganz Deutschland, im Umbruch war.

Annelie Wagner und Christopher Tauber mit Comic 'Frankfurt 1918 - Heraus aus der Finsternis'
Foto: Stadt Frankfurt / Simone Rössler
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„Heraus aus der Finsternis“ handelt nun also von Käthe, Jenny, Franzi und Jossi – vier Mädchen im Frankfurt nach dem Ersten Weltkrieg. Mädchen? Ja, Mädchen! Die sich nicht länger von den Jungsbanden, denen besagter Frankfurter angehörte, piesacken lassen wollen und ihre eigene kleine Gruppe gründen. Die gegen Klischees und Rollenbilder aufbegehren, die sich anstecken lassen von den erwachsenen Frauen der damaligen Zeit, die ebenso wie die Mädchen die Nase voll davon haben, sich den Männern unterzuordnen, nur weil die die vermeintlich stärkeren sind.

Bloß keinen Quatsch erzählen…
Neun Monate haben Tauber und seine Kollegin, die Illustratorin Annelie Wagner, an ihrem Comic gearbeitet. Sie haben Spaziergänge durch die Stadt unternommen und mit Experten gesprochen. Sie haben, sagt Tauber, „gelesen, gelesen, gelesen“ und sich Bilder über Bilder des historischen Frankfurts angesehen. Sie sind in die Geschichte eingetaucht, um die Geschichte von „Heraus aus der Finsternis“ zu entwickeln. Im Auftrag des Jungen Museums übrigens, das den Comic als Begleitlektüre zu seiner aktuellen Ausstellung „Dagegen! Dafür? Revolution. Macht. Geschichte.“ bei Tauber und Wagner bestellt hat.

Immer wieder saßen der Autor und die Illustratorin mit den Pädagogen des Jungen Museums zusammen. „Das Team kennt die Vorstellung seiner Zielgruppe am besten. Es achtet darauf, dass wir in unseren Büchern keinen Quatsch erzählen“, erklärt Tauber. Dem jungen Publikum wichtige historische Ereignisse nahebringen, indem sie aus der Perspektive von Kindern erzählt werden – das ist die Idee hinter den Historien-Comics. Nach „Das größte Fest der Welt“ ist „Heraus aus der Finsternis“ der zweite, den Tauber und Wagner in Kooperation mit dem Jungen Museum veröffentlicht haben.

…und dabei selbst immer schlauer werden
Lernen und nachfühlen wie es in Frankfurt einmal zuging – nicht nur die Leser profitieren von den Bildergeschichten. Auch der Autor und die Illustratorin werden mit jedem Auftrag immer schlauer: „Jede Recherche ist ein bisschen wie studieren, nur ohne Noten.“ Tauber lacht. Er zum Beispiel habe zuvor noch nie etwas von Meta Quarck-Hammerschlag gehört – Mitbegründerin der Frankfurter Arbeiterwohlfahrt, Kämpferin für das Frauenwahlrecht, erstes weibliches Magistratsmitglied Frankfurts. Eine Frau, die rauchte – was damals verpönt war – nicht weil es ihr schmeckte, sondern weil sie den Männern zeigen wollte, dass sie es auch kann. Annelie Wagner ist während der Arbeit am Comic klar geworden, wie privilegiert Mädchen und Frauen in Deutschland heute leben. „Ich selbst habe mich noch nie benachteiligt gefühlt. Dass das Leben von Mädchen und Frauen einmal vollkommen anders war, und das vor nicht allzu langer Zeit, hat mich überwältigt.“

Pingpong spielen…
Die Zusammenarbeit von Autor und Illustratorin läuft übrigens vollkommen gleichberechtigt. „Wie Pingpong“, sagt Wagner. Ganz zu Beginn eines neuen Buchs steht ein Gespräch mit dem Jungen Museum – um welches Thema geht es? Was ist wichtig? Was wird in der Ausstellung gezeigt? Welche Experten können bei der Recherche helfen? Danach kommt die Frage: Wie sah die Stadt damals aus – die Architektur, die Kleidung, der Alltag der kleinen und großen Frankfurter? Es folgen Lektüre, Bildrecherche, Stadtspaziergänge, Materialsammlung. Solange, bis der eingangs erwähnte Funke zündet. „Sobald Christopher seine ersten Ideen entwickelt, fange ich an zu scribbeln, die Charaktere zeichnerisch zu entwickeln“, erzählt Wagner. Diese ersten Illustrationen helfen wiederum Tauber, den Plot weiterzuspinnen. „Sie machen die Geschichte lebendig“, sagt er. Mit der Reinzeichnung beginnt Wagner erst, wenn Tauber die komplette Story geliefert hat. Besonders wichtig ist ihr dabei, sich in die betreffende Zeit hineinversetzen zu können, ein Gefühl dafür zu bekommen, wie die Leute in der betreffenden Zeit getickt haben.

…und dabei einen Einfall nach dem anderen haben
Die Geschichte von Käthe, Jenny, Franzi, Jossi und ihrer Mädchenbande erstreckt sich über 46 Seiten voller Bilder und Sprechblasen, meist in sepia gehalten. Wäre es nach Tauber und Wagner gegangen, hätten es auch mehr sein dürfen. „Ich habe mehr Angst vor Ausuferung als davor, dass ich keine Einfälle habe“, sagt Tauber. Mehr erzählen, die Szenen auskosten, das würde dem Team gefallen. Vielleicht klappt es bei der dritten Comic-Kooperation mit dem Jungen Museum. Das neue Buch, es soll nächstes Jahr erscheinen, dreht sich um die Ereignisse in der Paulskirche 1848. Tauber und Wagner arbeiten gerade mit Hochdruck daran.

„Heraus aus der Finsternis“ ist in Deutsch und Englisch erhältlich im Shop des Historischen Museums, im Buchhandel und im Zwerchfell Verlag. Es kostet zwölf Euro.

Am Samstag, 30. März, lesen Christopher Tauber und Annelie Wagner beim Satourday um 14 Uhr aus „Heraus aus der Finsternis“, und noch einmal am 11. Mail bei der Nacht der Museen. Los geht es um 19.30 Uhr. (ffm)