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Letzte Aktualisierung: 18.12.2017

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Bundesweite Studie zu psychotherapeutischen Behandlungsmethoden bei Trauer

Auch im Rhein-Main-Gebiet werden Betroffene gesucht

von: Adolf Albus

(09.06.2017) Wenn ein geliebter Mensch stirbt, gerät die Welt der Hinterbliebenen aus den Fugen. Akute Trauer ist eine natürliche Reaktion auf den Verlust einer wichtigen Bindung. Bei den meisten Betroffenen lässt diese innerhalb der ersten sechs Monate langsam nach, wobei die Trauer auch später gelegentlich wieder zunehmen kann – beispielsweise an Jahrestagen.

Doch etwa fünf Prozent der Trauernden entwickeln eine – wie die Experten es nennen – anhaltende Trauerstörung mit erheblichen Beschwerden, die sie im Alltag sehr beeinträchtigen und oft langfristig das Gefühl bestimmt „Als sei ein Teil von mir ist gestorben“. In den kommenden drei Jahren bietet die Verhaltenstherapieambulanz der Goethe-Universität Betroffenen eine spezielle Therapie – und zwar im Rahmen einer von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Studie, an der noch drei weitere Universitäten beteiligt sind.

 „Eine Behandlung empfiehlt sich dann, wenn der Verlust länger als ein halbes Jahr zurückliegt und weiterhin schwere psychische Symptome den Alltag beeinträchtigen“, erklärt Privatdozentin Dr. Regina Steil, Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Goethe-Universität. „Wir suchen für unsere Frankfurter Ambulanz etwa 50 Personen.“ Betroffene aus dem Rhein-Main-Gebiet, die älter als 18 Jahre und jünger als 75 Jahre sein sollten und bisher keine andere Psychotherapie nutzen, können sich direkt an die Frankfurter Koordinatorin und Psychologin Octavia Harrison (E-Mail: harrison@psych.uni-frankfurt.de; Telefon: 069/798 23793) wenden. Die spezielle Psychotherapie umfasst 20 wöchentliche Einzeltermine und Nachuntersuchungen unmittelbar nach Abschluss der Behandlung sowie nochmals nach einem Jahr.

Die bislang angebotenen Therapieformen, die bei einer Trauerstörung angewendet werden, wirkten eher unspezifisch. Um diesem Problem entgegenzuwirken, hat die Arbeitsgruppe bewährte psychotherapeutische Methoden auf die speziellen Bedürfnisse trauernder Patienten angepasst. In der Studie „PROGRID“ – die Abkürzung steht für „Prolonged Grief Disorder“, dem englischen Ausdruck für Anhaltende Trauerstörung – vergleichen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zwei psychotherapeutische Behandlungen: Eine Therapie legt den Schwerpunkt auf die Trauer selbst, die andere konzentriert sich auf die durch Trauer verursachten Schwierigkeiten im Alltag. Die zugrunde liegenden Behandlungsformen haben sich bereits bei verschiedenen Problemen als wirksam erwiesen – neu ist dabei die Anpassung für trauernde Patienten. Dazu Steil: „Auf lange Sicht wollen wir so gewährleisten, dass es für diese Betroffene gute Therapiemöglichkeiten gibt. Elemente dieser Behandlungsformen sind beispielsweise die Aufklärung über die anhaltende Trauerstörung sowie das Aufzeigen von Zusammenhängen zwischen den Symptomen einer Anhaltenden Trauerstörung und alltäglichen Problemen.“

Beteiligt an dieser dreijährigen DFG Studie sind neben der Goethe-Universität und der Katholischen Universität Eichstädt-Ingolstadt auch Studienzentren an den Universitäten Marburg und Leipzig. Die bundesweite Leitung der mit rund einer Million Euro von der DFG finanzierten Studie hat Prof. Dr. Rita Rosner, Klinische und Biologische Psychologie an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt, in Frankfurt ist Privatdozentin Dr. Regina Steil verantwortlich.

Mittlerweile sind sich Experten einig, dass es für Patienten von Nutzen ist, die anhaltende Trauerstörung als Krankheit einzustufen und entsprechend zu behandeln. Daher wird sie auch in die nächste Auflage der Internationalen Klassifikation der Krankheiten (ICD) aufgenommen – mit Hilfe dieses Systems werden weltweit Diagnosen zu körperlichen und psychischen Krankheiten gestellt. Wie genau das Krankheitsbild einer anhaltenden Trauerstörung aussieht, kann von Person zu Person unterschiedlich sein. Patienten berichtet häufig über folgende anhaltende Beschwerden: Intensive Sehnsucht nach der verstorbenen Person; Einsamkeit seit dem Todesfall; Schwierigkeiten, den Tod zu akzeptieren; Gedanken, die ständig um die verstorbene Person kreisen; Schuldgefühle oder Selbstvorwürfe; Vermeidung aller Erinnerungen, aller Gedanken und aller Gefühle an die verstorbene Person und deren Tod.

Informationen: Octavia Harrison, Verhaltenstherapieambulanz der Goethe-Universität, E-Mail: harrison@psych.uni-frankfurt.de; Telefon: (069)798 23793, www.trauer-therapie.de