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Letzte Aktualisierung: 24.05.2019

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Außergewöhnliche venezianische Kunstobjekte

Städel zeigt Bilder von Tizian und Weggefährten

von Karl-Heinz Stier

(15.02.2019) Es ist eine der folgenreichsten Kapitel der europäischen Kunstgeschichte – die venezianische Malerei der Renaissance. Das Städelmuseum am Museumsufer in der Dürerstraße 2 widmet sich diesem Thema in einer großangelegten Sonderausstellung unter dem Titel „Tizian und die Renaissance in Venedig“.

Bildergalerie
Die Statementgeber bei der Pressekonferenz(v.l.n.r.) Julia Cloot vom Kulturfond Frankfurt RheinMain, Städel Direktor Philipp Demandt, Kurator Bastian Eclercy.
Foto: Karl-Heinz Stier
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Der umfangreiche und stark bebilderte Katalog der Ausstellung
Foto: Karl-Heinz Stier
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Das Bildnis der Clarice Strozzi
Foto: Ralph Delhees
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Der Doge Vernier
Foto: Ralph Delhees
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Die Madonna mit dem Kaninchen
Foto: Ralph Delhees
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Christus erscheint Maria Magdalena
Foto: Ralph Delhees
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Zu Beginn des 16. Jahrhunderts entwickelten die Künstler der Lagunenstadt eine eigenständige Spielart der Renaissance, die auf rein malerische Mittel und auf die Wirkung von Licht und Farbe setzt. Einer der wichtigsten Vertreter ist Tizian (1488/90 – 1576), der für damalige Verhältnisse nicht nur sehr alt geworden ist sondern zeit seines Lebens die zentrale Figur in der venezianischen Kunstszene bleibt. Mit über 20 seiner Werke, darunter 4 Handzeichnungen und Druckgrafiken, versammelt die Frankfurter Schau die umfangreichste Auswahl, die je in Deutschland gezeigt wurde. Nicht nur in Venedig selbst macht diese neue Malerei Furore, ihre Vertreter, neben Tizian etwa Sebastiano del Piombo oder Lorenzo Lotto verbreiten die Innovationen bald auch außerhalb der Lagunenstadt. Mit Tintoretto, Veronese und Bassano trat um 1540 erneut eine hochbegabte junge Generation auf den Plan und wetteiferte um Aufträge.

Die künstlerische und thematische Bandbreite der Renaissance in Venedig macht anschaulich, warum sich Künstlerinnen und Künstler der nachfolgenden Jahrhunderte immer wieder auf die Werke dieser Zeit beziehen. In einer Folge von acht thematischen Kapiteln werden in 104 Werken ausgewählte Aspekte vorgestellt, die für die venezianische Malerei des 16. Jahrhunderts charakteristisch sind. Dazu gehören etwa atmosphärisch aufgeladene  Landschaftsdarstellungen, Idealbilder schöner Frauen (die sogenannte „Belle Donne“), distinguierter Herren oder die Bedeutung der Farbe für die Kunst der Venezier.

„Das Klassikerthema der Kunstgeschichte ist in den deutschen Museen erst in jüngster Zeit stärker ins Blickfeld gerückt. So erfüllt es uns mit großer Freude, dass wir in Frankfurt zum ersten Mal überhaupt in Deutschland ein so umfassendes Panorama der venezianischen Malerei der Renaissance präsentieren können“, so Städel Direktor Philipp Demandt. Und Bastian Eclercy, Kurator der Ausstellung, ergänzt: „Kaum ein Bereich der Kunstgeschichte hat so eine kontinuierliche Rezeption erfahren. Tizian, Tintoretto und Veronese ist dabei eine Bewunderung zuteil geworden wie sonst nur Michelangelo und Raffael“.

So soll bei einem Ausstellungsrundgang das besondere Augenmerk nur auf die Werke von Tizian gelegt werden. Zum Beispiel auf das „Bildnis der Clarice Strozzi, 1542“. Tizians Bildnis der zweijährigen Clarice Strozzi ist eines der besten dokumentierte Werke des Künstlers. Der Dichter Arentino pries die „ungeheure Lebendigkeit“ des Bildes. Dessen überschäumende Frivolität entstehe nicht durch Clarice und ihren Hund, den sie mit einem Keks füttert, sondern durch die beiden Putti, die auf dem Marmorrelief dargestellt sind und  das den Tisch schmückt. Für Tizian tragen dagegen die Putti dazu bei, die Bedeutung des Bildes zu erhellen. Statt das Kind als Kind zu präsentieren, bringt Tizian sämtliche weiblichen Tugenden der vollkommenen Ehefrau zur Anschauung: Schönheit, Keuschheit, Treue und Fruchtbarkeit. Es handelt sich nicht um ein Barometer der potentiellen Zukunft Clarices, das nicht die feiert, die sie ist, sondern die, die sie werden wird.

Die Madonna mit dem Kaninchen, um 1530 entstanden und gehörte bereits ab 1785 dem Louvre. Die Muttergottes sitzt in einer grünen Landschaft auf einem roten Kissen, hält das Jesuskind am Köpfchen, das ihr die fürstlich gekleidete heilige Katharina von Alexandrien vorsichtig mit Hilfe eines weißen Tuches übergibt. Jesus fasst in einer natürlich-kindlichen Bewegung Katharina ans Gesicht und streckt die andere Hand in Richtung eines weißen Kaninchens. Das Tier taucht immer wieder im Zusammenhang mit der Mutter Gottes auf und kann als Symbol für deren unbefleckte Empfängnis sowie ihre reine Liebe gedeutet werden.

Tizian malte aber auch amtierende Dogen für eine Bildnisreihe im Dogenpalast. Wie hier Das Bildnis des Dogen  Francesco Venier. Tizian hat sein körperliches Leiden ungeschönt wiedergegeben. Die Erkrankung kommt  vor allem im Gesicht zum Ausdruck - eingefallene Wangen, Augenringe, gerötete Haut, besonders an der Nase, hervortretende Adern an der Schläfe. Alle diese Beobachtungen verwundern, handelt es sich doch um eine Zurschaustellung eines wichtigen Politikers, von dem man kein Portrait der Gebrechlichkeit sondern Stärke erwartet. Doch Tizian betont nicht nur die körperliche Schwäche Veniers,  er lässt ihn zugleich auch würdevoll erscheinen. Seine Kleidung verleiht ihm staatsmännische Bedeutung.

Das „Noli me tangere“ (Christus erscheint Maria Magdalena) ist ein unbestrittenes Hauptwerk des frühen Tizian. Nach dem Johannesevangelium erscheint Christus  am Ostermorgen Maria Magdalena, die das Grab leer vorgefunden hatte. Sie hält den Mann, der sie anspricht, jedoch für den Gärtner. Als sie Jesus plötzlich erkennt, sucht sie den physischen Beweis für die Auferstehung. Doch Christus gebietet ihr Einhalt. „Rühre mich nicht an („Noli me tangere“), ich bin noch nicht aufgefahren zu  meinem Vater“.

Soweit eine Auswahl von Tizians Werken. Zu der bedeutenden Ausstellung, die noch bis zum 26. Mai zu sehen ist, haben 80 Leihgeber, davon 60 internationale, beigetragen.

Ermöglicht wurde die Ausstellung auch durch die Förderung der Dagmar-Westberg-Stiftung und durch den Kulturfonds Frankfurt RheinMain gGmbH.

Es gibt im Rahmenprogramm eine Reihe von Veranstaltungen  wie Abendführungen, Art Talks, ein Atelierkurs sowie Kunstkollegs, ein Programm für Kinder und Familien u.ä.m.  Nähere Infos über www.staedelmuseum.de