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Letzte Aktualisierung: 21.08.2019

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„So en Vogel is net leicht zu leime…“

Michael Quast brilliert als Tartüff in Höchst

von Karl-Heinz Stier und Ingeborg Fischer

(30.07.2019) Wenn Barock am Main in Frankfurt-Höchst seine Sommervorstellungen ins Programm nimmt, erwartet man vom Ensemble gekonnte und belebende schauspielerische Qualitäten. Dafür bürgen die vergangenen Aufführungen. Auch diesmal ließ die „fliegende Volksbühne“ als Veranstalter das Publikum nicht im Stich.

Bildergalerie
Szenenfoto1
Foto: Maik Reuß
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Szenenfoto2
Foto: Maik Reuß
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Szenenfoto3
Foto: Maik Reuß
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Obwohl sich die Festspielleitung bereits von den Molière-Stücken auf hessisch verabschiedet hatte, erfüllten die Schauspieler bei der Molière-Neu- Inszenierung von Sarah Groß „Tartüff oder De Deibel in Gestalt“ die Erwartungen der Besucher. Schließlich sollte die Aufführung an den 80. Geburtstag des inzwischen verstorbenen hessischen Molière-Autor und Mitbegründer von „Barock am Main“,  Wolfgang Deichsel, erinnern. Vor 20 Jahren startete er in Bad Vilbel die Erfolgsserie seiner Molière-Stücke.

Michael Quast spielt in Tartüff seine schauspielerischen Fähigkeiten voll aus und zeigt wieder einmal, wie vielfältig er in seinen Rollen sein kann. So zu Beginn und Ende des Stückes, als er als Madam Britschebräät, die Mutter im gut bürgerlichen reichen Hause  Orgon, kreischend die ganze Familie vorstellt und dabei dreimal in Ohnmacht fällt. Aber gleichsam perfekt spielt er die Rolle des Tartüff, den religiösen Heuchler, Schleimer, Nichtskönner und Schmierlappen. Dieser Manipulierer beherrscht die ganze Szene, bereichert sich an anderen Menschen und gibt jede eigene Todsünde ohne Skrupel preis. Er hat ein scharfes Auge und aufmerksames Ohr für sein Umfeld. Einerseits fällt er als Tartüff  tief  ins Moralische  hinein, wenn er das leicht dekolletierte Kleid der Hausangestellte Dorsche ( Ulrike Kinbach) mit einem schwarzen Tuch abdeckt, andererseits reißt er Organs Frau Elmire (Katharina Zemankova) in seiner Lustbarkeit fast die Kleider vom Kleid.  

Aber wie fand Tartüff überhaupt Zugang zu den Orgons?
Vater Organ (Rainer Ewerrien, TV-Schauspieler und Autor, neu im Ensemble) vermisst in seinem Leben Halt und Seelenfrieden. Dass Tartüffs Tugendhaftigkeit nur eine Maske ist, davon will er nichts wissen. Er bietet ihm seine Tochter Marieche (Pirkko Cremer) zur Frau an, obwohl die mit Walter (Gabriel Spagna) bereits verlobt ist. Der verblendete Orgon übergibt Tartüff nicht nur sein gesamtes Vermögen, sondern auch ein Kästchen mit brisanten politischen  Papieren zur Verwahrung.  Er verärgert die ganze Familie, wirft seinen etwas überdrehten Sohn Damieche (Dominic Betz) wegen seiner Kritik aus dem Haus und legt sich auch mit der Hausangestellten Dorsche an, die ihre Rolle als Gegnerin von Tartüff überzeugend und engagiert vorträgt. Der Familie droht der Ruin. Erst als Emire in ihrer verantwortungsvollen Unschuld ihm zeigt, wie Tartüff ihr an die Wäsche will (während er unterm Tisch sitzt und alles mitbekommt), schlägt Orgons Verehrung in verzweifelte Wut gegenüber Tartüff um.

Alexander J. Beck in seiner Dreifach-Rolle als Philippine und Rechtsanwalt und zuletzt als Richter bringt wieder Ruhe und Ordnung in die Familie und legt Tartüff die Schlinge um den Hals.

Neben der großartigen Inszenierung von Sarah Groß, die auch aktuelle  Ereignisse mit einzuflechten weiß, ist wie immer die übertonte Schminke bei Barock am Main (Katja Reich) hervorstechend, ebenso die neuen ausgesuchten bunten Kostüme (Anna-Sophia Biersch). Das Bühnenbild selbst kommt neben dem barockartigen Vorhang mit wenig Utensilien aus: ein Tisch und zwei Stühle,  mehr nicht.

Wann Barock am Main wieder in den Garten des Bolongaro-Palast zurückkehren wird, ließ  Festspielleiter Michael Quast offen. Er meinte, die Aufführungen könnten möglicherweise 2022 wieder dort stattfinden, wo sie 2005 begonnen hatten. Zunächst fiebern er und sein Ensemble der neuen Volksbühne im Großen Hirschgraben entgegen, dessen Eröffnung für den 19.September vorgesehen ist.

Die nächsten Tartüff-Vorstellungen sind  von dienstags bis samstags, jeweils um 20 Uhr, die letzte ist am 4. August um 16 Uhr. Die Eintrittspreise liegen zwischen 29 und 38 Euro, Schüler und Studenten zahlen 10 Euro.

Infos: unter www.barock-am-main.de oder Tel.: (069)407662580