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Letzte Aktualisierung: 18.12.2017

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„Ohne Hirn is mer wie bleed“

Walter Renneisen mit „Deutschland, Deine Hessen“

von: von Ingeborg Fischer und Karl-Heinz Stier

(11.08.2017) Wer zu den „Hergelaafene“, zu den „Eingeplackte“ oder zu den „Zugeraaste“ gehört und die Hessen gar nicht oder nicht so ganz kennt, der hat einen vortrefflichen tiefsinnigen Nachhilfeunterricht beim Rheingau Musik Festival im Baiken in der Domäne Rauenthal bei Eltville erhalten.

Bildergalerie
Walter Renneisen beim Rezitieren
Foto: Rheingau Musik Festival
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Walter Renneisen beim Gitarrespielen
Foto: Rheingau Musik Festival
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Walter Renneisen am Kontrabass, sein Lieblingsinstrument
Foto: Rheingau Musik Festival
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Der Interpret über die „hessisch Sproach“ und den Charakter des Hessen in seiner Vortrefflichkeit half in amüsanter Form weiter: Walter Renneisen mit seinem Programm „Deutschland, Deine Hessen“. Es war eine erlesene Collage aus literarischen Fundstücken und Mundart-Schnipseln, eine hochgradig unterhaltsame Typisierung der hessischen Gesamtkultur seit es den Volksstamm der Hessen gibt.

Renneisen, Träger des letztjährigen Rheingau Musikpreises, ist nicht nur exzellenter Schauspieler und Musiker, sondern hat auch Germanistik und Philosophie studiert. Seine Betrachtungen gleiten nie ab ins Banale oder wirken gar kitschig. Er spannt den Bogen von Goethe zu Büchner, zu Clemens von Brentano bis zu den Brüder Grimm, macht einen Ausflug in die Urzeit über die Grube Messel und die Rheinische Tiefebene, zu den Römern, Kelten und Chatten und erobert das Herz seines Publikums im Sturm.

Mit einer kleinen Anekdote mahnt er, sich zu seinem Dialekt zu bekennen: Als Gott am siebten Tag den Menschen die Dialekte zuteilte, hatte er die Hessen vergessen. Diese protestierten wütend! Und der liebe Gott beruhigte die Empörten: „Reescht Euch net uff, dann babbelt halt wie isch!“ Dass der sanfte hessische Zischlaut bei „Isch liebe Disch“ viel weicher klingt erklärt er so: „Des klingt wie en Fahradschlauch der die Luft verliert!“

Im Verlauf der Veranstaltung stellte sich heraus, dass er im Baiken Gäste unter dem Zelt hatte, die im Dialekt doch sehr bewandert waren. Als er anfing, Friedrich Stoltzes „Uff em Termsche sitzt e Wermsche mit em Schermsche…“ zu rezitieren, wurde das Gedichtchen lauthals gemeinsam aufgesagt. Nicht nur das Hessische rund um Frankfurt beherrscht er perfekt, er trifft auch genau den Ton des Oberhessen mit der „RRRunkelrrreuweroppmaschin mit de Rrritzerowre Rädrr“ unn „Siehste net die Säu im Gaaade..“ Und er deckt die ziemlich umständliche Grammatik unseres Dialekts auf: „Is des vielleicht Ihrm Mann seiner Schwester ihr Auto?“ was ja in Hochdeutsch ganz einfach heißt: „Gehört das Auto Ihrer Schwägerin?“ 

Wie profan über den Tod gesprochen wird, dann klingt das so: „Gut dass de Schorsch gestorwe is, er hätt sowieso net mehr lang gelebt!“ Oder „Mancher sterbt ganz leicht, unn mancher geht druff debei!“

Der Musiker Renneisen hatte auch seine Instrumente auf der Kleinen Bühne und zeigte sein Können u.a. am Flügel, der Trompete, Fanfare und Gitarre und am Kontrabass und Schlagzeug. Er plauderte über die Musik der Pfadfinderromantik mit „Jenseits des Tales..“ und die 50-Jahre-Schlager wie „Rosemarie, sieben Jahre mein Herz nach Dir schrie…“ und die Erlösung durch „Rock around the clock“, „Tuttifrutti“ und den Jazz. E spielte  und trommelte Marschmusik, um dann  in begeisternde Jazzrhythmen überzugehen und  verabschiedete sich mit „What a wonderful world“ auf der Trompete.

Mit der Überzeugung „De beste Mensch is e Ärschernis wenn er net von Hesse is!“ applaudierte das Publikum dem Ausnahme-Künstler Walter Renneisen anhaltend und mit vielen Bravo-Rufen und Standing Ovations.