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Letzte Aktualisierung: 21.03.2019

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„Goodbye Hoechst“ ist wieder da

Warum ein Buch die Menschen im Frankfurter Westen aufrüttelt

von Norbert Dörholt

(18.02.2019) Er ist wieder da – der angehende Bestseller von Dr. Karl-Gerhard Seifert über den Niedergang der Hoechst AG. „Goodbye Hoechst - von Könnern, Spielern und Scharlatanen“ war im Dezember 2018 auf den Markt gekommen und schon Anfang Januar wieder vergriffen. Der Frankfurter Societäts Verlag druckte, selbst überrascht von dem enormen Nachfrageboom, sofort nach, so dass es seit dem 5. Februar wieder ausgeliefert werden kann.

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Seit Anfang Februar wieder zu haben: "Goodbye Hoechst".
Foto: Societäts Verlag
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Dr. Karl-Gerhard Seifert sieht sein Buch nicht als Abrechnung, sondern eher als einen Rechenschaftsbericht, vor allem aber als eine Dokumentation, wie ein Unternehmen bis zur Selbstaufgabe getrieben werden kann, wenn seine Leitung nicht an langfristrigen Zielen zum Wohle der Mitarbeiter und Aktionäre orientiert ist, sondern getrieben wird von Kräften des Kapitalmarkts.
Foto: Societäts Verlag
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Warum stürzten sich die Bewohner vor allem der westlichen Frankfurter Stadtteile so begierig auf das Buch mit dem ehemaligen Firmenlogo „Turm und Brücke“ vor rotem Hintergrund (der wohl an die „Rotfabrikker“ erinnern soll)? Das hat eine ganze Reihe von Gründen: Zunächst gab es kaum einen Haushalt im Einzugsbereich des Anfang der 1980-er Jahre noch größten Pharmaherstellers der Welt, aus dessen Familie nicht irgendjemand mit der Hoechst AG zu tun hatte, entweder als direkt dort Beschäftigter, Zulieferer oder Bezieher von Hoechst-Produkten für die Landwirtschaft über Lebensmittelzusätze bis hin zu Materialien aus den dort gefertigten Kunststoffen und Geweben wie beispielsweise Trevira. Und das war längst nicht alles. Allein das Stammwerk Hoechst zählte zu dieser Zeit 33.000 Beschäftigte, ehe ab etwa Mitte der 1990-er Jahre ein durch Managementfehler bedingter Niedergang einsetzte, der letztlich zur Zerschlagung des früheren Weltkonzerns führte.

Die Menschen in und um Hoechst herum waren stolz auf ihr Werk, das neben Bayer und BASF nicht nur zu den drei größten Chemiewerken Deutschlands gehörte, sondern auch auf europäischer Ebene und weltweit eine Spitzenposition einnahm. Teilweise arbeiteten gleich drei Generationen vom Vater, Sohn und in der Ausbildung stehendem Enkel dort. Das wurde von der Unternehmensleitung bewusst gefördert, um den Zusammenhalt der Belegschaft zu stärken und natürlich auch ein wenig sozialen Druck aufzubauen, wenn eines der Familienmitglieder es mal an der nötigen Disziplin oder am Arbeitseifer fehlen lassen sollte. In der Tat fühlte man sich auch als eine Art Großfamilie und war glücklich und zufrieden, wie auch der lustige Spruch der Belegschaft „Rotfabrik – all mei Glick“ zeigte.

Außerdem bezahlte Hoechst gut, geizte nicht mit großzügigen Sozialleistungen, und die Vereine und Institutionen im Umfeld wurden ebenso mit reichlichen Spenden und kultureller wie organisatorischer Unterstützung bedacht. Das Unternehmen hatte sogar ein eigenes Werksorchester, das Blasorchester Hoechst, das heute noch im Musikverein Unterliederbach besteht, und auch eine Big Band gehörte dazu. Beide zusammen gaben erst im Bildungs- und Kulturzentrum in Hoechst und später auch in der Jahrhunderthalle Konzerte, die jeweils ausverkauft waren. Sogar die Jahrhunderthalle selbst war ein Geschenk der Hoechst AG. Mitarbeiter, die in ihren Vereinen zu tun hatten, durften, das gab es sonst nirgendwo, während der Arbeitszeit das Werk verlassen, ohne dass ihnen dafür Fehlzeiten angerechnet wurden. Alle waren also mächtig stolz auf „ihr“ Unternehmen, das für die gesamte Bevölkerung in hohem Maße identitätsstiftend und sinngebend in alle gesellschaftlichen Bereichen vom Schlossfest bis zum Stadtmarathon, den das Unternehmen ebenfalls ins Leben gerufen hatte, hinein wirkte.

Umso größer war die Verwunderung, ja das Entsetzen, dass dieser finanziell gesunde und soziale Konzern sich nach und nach ins Nichts auflöste. Wie konnte das geschehen? Als sich vor diesem Hintergrund wie ein Lauffeuer herumsprach, dass Dr. Karl-Gerhard Seifert, von 1988 bis 1997 selbst Mitglied im Vorstand der Hoechst AG, in seinen Erinnerungen und mit seinem Insiderwissen in seinem Buch „Goodbye Hoechst“ diese Vorgänge detailliert schildert, wie es also zur Fusion mit Rhone-Poulenc zu Aventis kam, wollte jeder das natürlich wissen.

Wer fix genug war und sich ein Buch der ersten Druckauflage sichern konnte erzählte dann natürlich im Freundes- und Bekanntenkreis, an den Stammtischen, wo das Thema sofort den Spitzenplatz der Themenliste noch vor Flüchtlingsdramen, Trump und Brexit besetzte, und in seinen Vereinen, was Dr. Seifert da an nachgerade abstrusen Geschehnissen schilderte, meist mit tiefer Betroffenheit. Das trug dazu bei, das jetzt gleich noch mehr Interessenten das Buch unbedingt haben wollen. Das merkte auch der Societäts Verlag, der schon wieder an einer dritten Druckauflage arbeitet.

Selbst dem Autor waren in dieser Zeit viele Geschehnisse so unglaublich erschienen, dass er ab 2000 begann, das Erlebte aufzuschreiben. Seine Protokolle, Dokumente und Aufzeichnungen der Gespräche mit Kollegen aus Vorstand und Aufsichtsrat beginnen aber viel früher und bilden die Grundlage für dieses Buch, das ein wesentliches Kapitel der jüngeren deutschen Industriegeschichte nachzeichnet.

Viele Mitarbeiter von damals kamen zu den Vorlesungen und Autogrammstunden, die Karl-Gerhard Seifert zwischenzeitlich gegeben hat, manche mit Tränen in den Augen und Worten auf den Lippen wie: „Ach wären Sie damals doch nur unser Vorstandsvorsitzender geworden.“ Und jeder, aber wirklich jeder, wusste irgend eine selbst erlebte Geschichte aus dieser Zeit des steten Niedergangs zu erzählen, berichtete aus eigenen Erfahrungen, von Gehörtem, Bedrohlichen, Unverständlichen ....

Diejenigen, die das Buch bereits gelesen haben, zeigten sich tief bewegt bis wütend. Und wer es sich noch zu Gemüte führen möchte, hat jetzt wieder die Gelegenheit dazu.

„Goodbye Hoechst“ ist im Hardcover-Formt erschienen, zählt 576 Seiten mit zahlreichen Fotos, kostet 25 Euro und hat die ISBN-Nummer 978-3-95542-321-6.