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Letzte Aktualisierung: 20.08.2019

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„Eure Gesetze interessieren uns nicht“

Shams Ul-Haq undercover unterwegs in europäischen Moscheen

von Norbert Dörholt

(01.02.2019) Shams Ul-Haq ist ein tapferer Mann! Der Frankfurter Terrorismus-Experte hat sich einen Namen als Undercover-Journalist gemacht. Der „Westentaschen-Wallraff“, wie ihn ein Kritiker einmal ebenso spöttisch wie völlig zu Unrecht nannte, recherchierte heimlich in 35 Flüchtlingsheimen in Deutschland, der Schweiz und Österreich und schildert seine Erfahrungen in dem 2016 erschienenen Buch „Die Brutstätte des Terrors“. Jetzt liegt sein zweites Buch vor. In „Eure Gesetze interessieren uns nicht“ beschreibt er ebenso fesselnd wie beängstigend, wie raffiniert in einigen europäischen Moscheen Muslime radikalisiert werden.

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„Manchmal hatte ich richtig Angst“, bekennt Shams Ul-Haq. „Aber wie wäre ich denn sonst an die Informationen gekommen?“
Foto: Privat
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Foto: Orell Füssli Verlag
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Zwei Jahre lang hat der dafür in über 100 Moscheen in Deutschland, der Schweiz und Österreich recherchiert, nicht ohne erhebliche persönliche Risiken. Denn wäre er enttarnt worden hätte ihm der eine oder andere fanatische IS-Anhänger möglicherweise ohne viel Federlesens den Garaus gemacht. „Ich hatte auch oft ein komisches Gefühl, ja manchmal auch richtiggehend Angst, entdeckt zu werden“, bekennt er freimütig, zumal er wusste, dass viele der von ihm besuchten Moscheen bereits vom Verfassungsschutz überwacht wurden, dass da also irgendetwas nicht stimmte – was sich denn auch prompt bewahrheitete, wie er in vielen Beispielen ausführlich und detailgetreu schildert.

In Moscheen recherchieren zu wollen ist sehr schwierig, da in der Regel weder die Verantwortlichen noch die Imame offiziell Interviews geben. Deshalb gibt es nur wenige journalistisch seriöse Berichte aus dem Inneren der muslimischen Gotteshäuser, da westliche Journalisten normalerweise keine Chance bekommen, die hierfür notwendigen Kontakte aufzubauen. Auch diese fast zweijährige Untergrundrecherche war für den Autor wie gesagt extrem riskant, da er die Verbindungen zwischen Terrororganisationen, Moscheen und Imamen schonungslos aufdeckt.

Zu Hilfe kam Shams Ul-Haq, der 1990 als unbegleiteter minderjähriger Asylbewerber aus Pakistan nach Deutschland kam und seit 2001 deutscher Staatsbürger ist, bei seinen Inkognito-Beobachtungen allerdings unfreiwillig die Verblendung der fanatischen Salafisten. Warum? Das erklärt er in seinem Buch so: „Die Salafisten und Islamisten predigen ja ständig, man dürfe kein deutsches Fernsehen anschaun, keine deutsche Zeitung lesen, kein deutsches Radio hören. Das war mein Glück. Denn dadurch wussten sie nicht, wer ich überhaupt bin. Meine Angst ist somit etwas weniger geworden.“

In der Indoktrination mit islamistischem Gedankengut und antiwestlicher Hetze spielen bestimmte Moscheen nach wie vor eine bedeutende Rolle. Doch wie genau funktioniert das System der Radikalisierung? Welche Rolle spielen die Imame, wer sind die Geldgeber? Welche Aufgaben übernehmen dabei Frauen und welche Bedeutung hat dabei der Islamunterricht bei Erwachsenen und vor allem bei den Kindern? Shams Ul-Haq zeigt auf, wie in einigen Moscheen Radikalisierung betrieben wird, und warum die Schließung einzelner Gotteshäuser allein nicht ausreicht.

Das Buch ist spannend zu lesen und macht nachdenklich, weil die radikalen Islamisten „ausgesprochen schlau“ vorgehen, schreibt Ul-Haq. Was da in den Moscheen konkret gepredigt wird, schildert er so: „Die Kuffar, also ´Ungläubige´ wie Christen oder Juden, kommen in die Hölle, selbst wenn sie beispielsweise moslemischen Flüchtlingen viel Gutes tun. So was wird gepredigt! Es wird nicht gesagt: Ihr müsst zum Dschihad, sondern die Botschaft wird so hingedreht, dass die Leute selber drauf kommen. Das ist sehr raffiniert.“

Resümierend kommt er zu folgender Erkenntnis: „Nachdem ich im Laufe von zwei Jahren mehr als hundert Moscheen besucht habe, dabei unzählige Extremisten kennenlernte und tief in die inneren Strukturen der radikal-islamischen Szene eingetaucht bin, muss ich feststellen, dass neben den vielen gemäßigten muslimischen Gebetshäusern eine nicht zu vernachlässigende Zahl an radikal-islamischen Moscheen existiert, deren Aktivitäten nicht unterschätzt werden dürfen.

Diese Moscheen verbreiten radikales Gedankengut, sie rekrutieren teilweise gezielt Dschihadisten, die dann in den Krieg nach Syrien oder in andere Länder geschickt werden. Manche von ihnen kehren anschließend wieder nach Deutschland zurück, ohne dass wir wissen, welche Ziele sie verfolgen oder welche Aufgaben ihnen aufgetragen wurden.

Insgesamt lässt sich beobachten, dass radikal-islamisches Gedankengut primär über das Internet verbreitet wird, und auf diesem Weg erreicht es auch seine wichtigste Zielgruppe: Die bekannten Hassprediger scharen teilweise zigtausende Anhänger um sich, und zwar in virtuellen Räumen wie denen von Facebook, Youtube oder anderen sozialen Diensten, wie beispielsweise WhatsApp. Der Messengerdienst »Telegram« nimmt hier eine besondere Rolle ein, da insbesondere Salafisten diesen Dienst nutzen. Und hierbei macht es auch keinen Unterschied, ob wir über Österreich, die Schweiz oder über Deutschland reden, hier handelt es sich um ein europäisches, wenn nicht sogar weltweites Vorgehen des fundamentalistischen Islam und seiner Propagandisten.“

Bleibt noch die Frage, was Shams Ul-Haq antreibt, solche Recherchen anzustellen und ein Buch darüber zu schreiben. Seine Antwort: „Ich möchte Deutschland etwas zurückgeben. Ich möchte Dankeschön sagen, dass ich 1990 hier aufgenommen wurde. Aber wer Hass in den Moscheen predigt, der hat in Deutschland nichts zu suchen. Das ist meine Botschaft!“

(Shams Ul-Haq arbeitet seit über zehn Jahren mit namhaften Print- und TV-Medien in Europa zusammen, dabei unter anderem N-TV, Welt (N24), ZDF, Spiegel, Sonntagszeitung, Cicero, Kleine Zeitung, Focus Magazin und viele weitere. Das Buch kostet 18 Euro und ist erschienen im Orell Füssli Verlag, www.ofv.ch, ISBN 978-3-280-05682-0)