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Letzte Aktualisierung: 18.04.2019

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„Der Mittelstand ist das Rückgrat der deutschen Wirtschaft“

von Ilse Romahn

(26.03.2019) Rund 120 mittelständische Mitglieder des Industrieverbands Körperpflege- und Waschmittel e.V. (IKW) tauschten sich am 20. März in Bad Homburg auf der IKW-Mittelstandstagung aus zu den Themen Wandel in Gesellschaft, Handel und Verbaucherverhalten, Auswirkungen des Brexits und Marktchancen in Lateinamerika.

Christian Wulff, Bundespräsident a. D.
Foto: ikw
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Die zweimal jährlich stattfindende Tagung ist die wichtigste Informationsveranstaltung für Mittelständler, die in Deutschland Produkte für Haushaltspflege und Schönheitspflege herstellen oder vertreiben. Referenten waren Christian Wulff (Bundespräsident a. D.), Raoul Roßmann (Geschäftsführer Dirk Rossmann GmbH), Ines Imdahl (Inhaberin, Lönneker & Imdahl rheingold salon), Thorsten de Boer (Senior Partner, Roland Berger GmbH), Prof. Dr. Henrik Müller (Technische Universität Dortmund), Heinrich Beckmann (Geschäftsführer delta pronatura Dr. Krauss & Dr. Beckmann KG), Christoph Hasselmann (Geschäftsführer Lornamead GmbH), Filip Hoffmann-Häußler (Senior Research Analyst, Euromonitor International), Felix Krohn (Director International Business, delta pronatura Dr. Krauss & Dr. Beckmann KG)

Multikulturalismus macht die deutsche Wirtschaft groß
Nach einer Begrüßung durch IKW-Geschäftsführer Thomas Keiser und Heinrich Beckmann, Vorsitzender des IKW-Mittelstandsausschusses, startete Christian Wulff mit einer Bestandsaufnahme der derzeitigen Situation in Deutschland: Eine explosive Mischung aus Ängsten, Fake News, dem Ausgrenzen von Minderheiten und der unbewältigten Digitalisierung bedrohe aktuell die Liberalität und führe zu der Wahrnehmung, ein Engagement für die Gesellschaft sei Zeitverschwendung. Demokratie funktioniere aber nur, wenn das Volk auch mitmache. Die mittelständischen Unternehmen, die durch multikulturelle Teams in ihren Produktionsstätten überall auf der Welt vertreten seien, sind laut Wulff das Rückgrat der deutschen Wirtschaft. Multikulturalismus hätte die deutsche Wirtschaft groß gemacht und die gute Aufarbeitung der Geschichte führe weltweit zu Anerkennung.
Sein eindringlicher Appell an den Mittelstand lautete daher: „Jetzt kommt es darauf an, mit Offenheit und Haltung unsere Gesellschaften multiethnisch, multireligiös und multikulturell zu gestalten. Dafür sind wertschätzender Dialog und Empathie unerlässlich.“

Schminken und Putzen stützen das Selbstwertgefühl
Ines Imdahl bestätigte anhand von tiefenpsychologischen Analysen die These, dass Produkte der Schönheits- und Haushaltspflege dabei unterstützen, einem empfundenen Kontrollverlust entgegen zu wirken. „Verbraucher sind heute auf der Suche nach einer neuen Identität – Kosmetik und Putzen können dabei helfen.“ Den anwesenden Herstellern riet sie, Produkte möglichst gefühlsbetont zu inszenieren. Gefühlte Wirklichkeiten seien für Verbraucher heute wichtiger als rationale Betrachtungen. Ein klarer Hinweis an den Mittelstand, ein professionelles Marketing für ihre hochwertigen Produkte nicht zu vernachlässigen.    

Drogeriemarkt Heute und Morgen
Raoul Roßmann begann seinen Vortrag mit einer Bestandsaufnahme der derzeitigen Situation im Vergleich zu der weitaus einfacheren Situation von vor zehn Jahren, die er ganz offen als Selbstläuferjahre betitelte. Marketing spiele eine immer größere Rolle, daher zählt das Rossmann Marketingteam rund 80 Mitarbeiter. Roßmanns Empfehlung lautete, Trends und Medien zwar genau zu beobachten, aber nicht zwingend alles mitzumachen. Das verwirre den Kunden. „Eine Vision muss greifbar und erfahrbar sein – für Mitarbeiter wie auch Kunden“, so Roßmann. So sollten sich Händler lieber gezielt auf einige bestimmte Kanäle und Technologien beschränken und diese dann langfristig aufbauen. Weitere relevante Themen seien für Rossmann die Expansion in weitere Länder und das Testen von neuen Storekonzepten. 

Zukunftsperspektiven des Handels
Thorsten de Boer stellte die Ergebnisse seiner Analyse der Zukunftsperspektiven des Handels vor. Abnehmende Einkaufshäufigkeit, ein besonderes Kauferlebnis und die Kaufatmosphäre stünden zunehmend im Vordergrund. Laut de Boer verkürzt sich der Erfolgszyklus, sodass heute regelmäßig eine Formveränderung eines Produkts notwendig sei, um Kundenneugier zu befriedigen und so langfristig am Markt bestehen zu können. Familien und Freunde seien heute wichtigste Berater zum Kauf, dies müsse im Marketing berücksichtig werden. Ausführlich ermöglichte er den Gästen anhand zahlreicher Beispiele einen Einblick in Zukunftstrends wie Social Shopping, Augmented Reality, Fast Delivery und Mass Customization. De Boer zog das augenzwinkernde Fazit, dass Wandel unvermeidbar, Fortschritt hingegen optional sei.

Der Einfluss des Brexit auf die Schönheits- und Haushaltspflegebranche
„Der Brexit zeigt die selbstzerstörerische Kraft des neuen Nationalismus", zu dieser Einschätzung kam Prof. Dr. Henrik Müller. Müller hatte die schwierige Aufgabe, in der aktuell nebulösen Phase, die Teilnehmer über den Brexit zu informieren. Er zeigte anhand sogenannter Sentiment-Analysen im Social Media-Bereich anschaulich auf, dass im Vorfeld der Brexit-Abstimmung das persönliche Erleben einerseits und die Vorstellung von Europa andererseits nicht übereinstimmten. Ähnliches ließe sich mit dieser Methode auch für Deutschland nachweisen. Laut Müller sei dies ein klares Indiez dafür, dass solch wichtige Entscheidungen sich nicht für Volksabstimmungen eignen. Im Anschluss diskutierte das Publikum mit Christoph Hasselmann und Heinrich Beckmann die möglichen Herausforderungen des Brexits für die anwesenden Unternehmer wie den Verlust von Patentrechten, die Anmeldung von Markennamen, den Aufenthaltsstatus von britischen Mitarbeitern in Deutschland und die Frage, wer eigentlich genau vom Brexit profitiert und ob es eine neue geografische Definition von Europa geben muss. 

Lateinamerika – Marktpotenziale für Unternehmen der Schönheits- und Haushaltspflege 
Filip Hoffmann-Häußler präsentierte eine detaillierte Analyse Lateinamerikas als potentiellem Markt für Schönheits-und Haushaltspflegeprodukte. In den dortigen Ländern gäbe es unterschiedliche Kulturen und politische Systeme, aber auch viele Synergien, die für einen Markteintritt genutzt werden können. Hoffmann-Häußler hatte für die Teilnehmer reichlich Insiderinformationen im Gepräck, welche Produktgruppen perspektivisch besonders steigen werden und wie der Verbraucher von Schönheits- und Haushaltspflegeprodukten aussieht. So seien 50 % der Konsumenten in Lateinamerika jünger als 30 Jahre, rund 35 % wüschen einerseits ihre Wäsche noch per Hand und würden sich gleichzeitig über Social Media über die Produkte informieren. Breitband sei zwar wenig, die Smartphone Nutzung hingegen aber enorm verbreitet.

Felix Krohn berichtete im Anschluss anschaulich über seine Erfahrungen mit dem Markteintritt, der durch ein Büro in Mexiko gesteuert wird. So konnten die Teilnehmer zum Ende der Tagung noch einmal von direkten Erfahrungen eines Verbandsmitglieds profitieren.

Industrieverband Körperpflege- und Waschmittel e. V.   www.ikw.org