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Letzte Aktualisierung: 10.12.2018

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„Das Bauhaus kommt aus Weimar“

von Karin Willen

(05.12.2018) 2019 wird das große Bauhaus-Jahr: Die einflussreiche Kunst-, Design- und Architektur-Richtung wurde vor 100 Jahren begründet. In Weimar. Einer Stippvisite nach Thüringen.

Bildergalerie
Gerade im Bau: Das „bauhaus museum“, das am 6. April eröffnet wird, gibt dem Viertel im Norden Weimars ein neues Gesicht
Foto: Karin Willen
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Vorbesichtigung: Das erste Bauhaus-Musterhaus, das "Haus am Horn" wird im Mai öffentlich zugänglich
Foto: Weimar GmbH Guido Werner
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Seit 2010 wieder freigelegt: Wandgemälde von Oskar Schlemmer in der Kunsthochschule
Foto: Karin Willen
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Innen alles Bauhaus: Speisesaal im "Haus des Volkes" in Probstzella
Foto: Karin Willen
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Weimar ist die Stadt der deutschen Klassik. Das wird jedem spätestens klar, wenn er auf dem Theaterplatz vor dem großen Goethe-Schiller-Denkmal steht, das vor dem Deutschen Nationaltheater prangt. Im Theater selber, wo die Schillerdramen das Publikum begeisterten, verabschiedete die Nationalversammlung 1919 die Weimarer Reichsverfassung. Nicht weit davon entfernt entsteht derzeit das „bauhaus museum“ und reklamiert damit vor aller Welt das Erstgeburtsrecht an der einflussreichen Gestalterbewegung.

Was ist das Bauhaus?

Das Bauhaus baute nach dem Ersten Weltkrieg für viele Menschen schlichte, bezahlbare Wohnungen mit Licht und Luft, aber auch elegant-schnörkellose Villen für Begüterte. Es revolutionierte die Lehre und suchte in Verbindung mit Handwerk und Industrie nach neuen Wegen in der Produktion, gleichermaßen für den Häuserbau wie für Dinge des Hausgebrauches. Die Grundfarben Rot-Gelb-Blau und die Formen Kreis, Quadrat und gleichschenkliges Dreieck wurden sein Markenzeichen. Dieser Aufbruch in die Neue Sachlichkeit fand international viel Beachtung und Einfluss. Sein Ursprung datiert auf den April 1919, als der Architekt Walter Gropius das Bauhaus im Weimar gründete.

Quartier Weimarer Moderne

In Weimar ist das Bauhausjubiläum zum Anlass geworden, ein ganzes Quartier im Norden als „Quartier Weimarer Moderne“ umzuordnen. Außerdem werden im Zentrum neue Akzente gesetzt, der Uni-Campus aufgefrischt und das „Haus am Horn“ als das erste Musterhaus für modernes Wohnen authentisch wieder hergerichtet.

Der helle Kubus des neuen Museums erinnert auf fünf Ebenen und 2250 Quadratmetern daran, dass das Bauhaus, zur selben Zeit in Weimar entstanden ist wie die republikanische Vorläufer der Bundesrepublik Deutschland, die Weimarer Rpublik. Grundstock des Bestandes im schnörkellosen Betonquader der Architektin Heike Hanada sind 168 Objekte der Sammlung des Bauhausgründers Walter Gropius. Zu sehen sind aber auch Gemälde von Lyonel Feininger, Paul Klee oder Wassily Kandinsky.

Das neue Bauhausmuseum wird am 6. April eröffnet. Schon jetzt gibt er dem Quartier ein neues Gesicht, das bislang aus dem Gauforum aus der Nazizeit, in dem sich heute die Thüringer Landesverwaltung befindet, sowie der Ende der 90er von Gerkan und Partner hinzugesetzten Weimarhalle und dem Neuen Museum von 1869 besteht.

Gropius‘ Direktorenzimmer und Schlemmers Treppenhausgemälde

Über die Bauhaus-Wurzeln in Weimar informieren heute Studenten der Bauhaus-Universität Weimar auf geführten Spaziergängen. Die Anderthalb-Stunden-Tour startet in der Kunstschule Staatliches Bauhaus. Zu den Höhepunkten zählen das originalgetreu wieder hergerichtete Direktorenzimmer und die heute wieder freigelegte von Oskar Schlemmer bemalte Treppe im Henry-van-de-Velde-Bau. Die Tour führt aber auch zur Ruine des Tempelherrenhauses, wo seinerzeit der esoterisch angehauchte Maler Johannes Itten mit wallenden Gewändern auffiel. Er hatte in der Orangerie zeitweise sein Atelier und feierte dort rauschende Feste.

Eine der frühen Skulpturen von Gropius steht auf dem Historischen Friedhof zwischen berühmten Gräbern: das Märzgefallenen-Denkmal. Es erinnert an den Kapp-Putsch von 1920. Nicht weit von Goethes Gartenhaus am Park an der Ilm liegt das Haus am Horn“, das Georg Muche 1923 als Musterhaus entworfen hat. Es zeigt ab Mai anschaulich, wie die Architekten und Inneneinrichter sich das Wohnen damals vorstellten.

Das „Haus des Volkes“ in Probstzella

Doch auch andernorts in Thüringen stößt man auf Bauhaus-Einrichtungen. Zum Beispiel in Probstzella im Talkessel des Thüringer Schiefergebirges das "Haus des Volkes". Alfred Arndt hatte sich mit der Wandgestaltung im „Haus am Horn" in Weimar und im „Haus Auerbach" in Jena schon einen Namen als Bauhäusler gemacht, als er 1927 als Architekt in Probstzella anheuerte. Sozusagen in letzte Sekunde, denn die Pläne für den wuchtigen Bau über einem Fachwerkensemble an den Hang waren schon fertig.

Der Industrielle Franz Itting, der 1908 mit der Errichtung eines Elektrizitätswerks reüssiert hatte, wollte einen Kulturpalast für die Beschäftigten. Itting war Sozialdemokrat und wollte seiner Belegschaft in einer Zeit, da Urlaub für kleine Leute kein Thema war, ihnen mit Kino, Tanz- und Theatersaal, einer Kegelbahn, Bibliothek, Sauna und einer Parkanlage mit Kiosk, sowie Bühne und Turnhalle Zerstreuung verschaffen.

Arndt änderte einiges, aber den typischen Flachdachbau des Bauhauses konnte er nicht am „Haus des Volkes“ realisieren. Die Inneneinrichtung des Gebäudes wurde jedoch vollständig von Bauhaus-Künstlern gestaltet. Sie kamen aus Dessau, denn die fortschrittliche Kunstschule passte nicht mehr ins Konzept des nun nach rechts tendierenden Weimar. Gropius hatte noch mit Frankfurt verhandelt, sich aber dann doch 1925 für Dessau als neuen Standort entschieden.

Seit 2008 können Gäste in Probstzella in weitgehend originalgetreuen Hotelzimmern Bauhausluft schnuppern. Im Haus befindet sich darüber hinaus die zentrale Ausstellung zur Entstehung des Grünen Bandes Deutschland, das als ehemaliger Grenzstreifen zwischen der BRD und der DDR hier an der thüringisch-bayerischen Landesgrenze entlang führt. Auch der Wanderweg Rennsteig verläuft ganz in der Nähe.

Weitere Informationen:

Tourist Information Weimar

Tel.: 03643 745 0

Markt 10, 99423 Weimar

www.weimar.de

Grand Tour der Moderne in Thüringen
Zum UNESCO-Welterbe Weimar mit dem Musterhaus „Am Horn" sowie der Kunstschule & Kunstgewerbeschule und dem „Haus des Volkes“ in Probstzella führt die Grandtour der Moderne in Thüringen auch ins Wohnhaus Schulenburg in Gera.

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